Das Graduiertenkolleg zur Zeitgeschichte „Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa“, Katja Wezel veranstaltet im Wintersemenster 2006/07 eine

Übung am Historischen Seminar der Universität Heidelberg:

Das Ende des Sowjetimperiums und nationale Bewegungen in den UdSSR 1986-1991 am Bespiel der baltischen Staaten.

Ort, Zeit: Historisches Seminar, ÜR III, Mo, 18-20 Uhr

Beginn: 23.10.2006

Die baltischen Staaten werden oft dafür verantwortlich gemacht, den Zerfall der UdSSR ausgelöst zu haben. Während ihres Kampfes, zunächst für mehr Autonomie und schließlich für die Wiederherstellung ihrer 1940 verlorenen Unabhängigkeit, nahmen die Esten, Letten und Litauer eine Vorreiterrolle ein – ihre „Volksfrontbewegungen“ hatten Modellcharakter für andere nationale Bewegungen in der auseinander brechenden Sowjetunion. Gorbatschows Reformen, bekannt geworden unter den Schlagworten Glasnost und Perestroika, waren nicht nur ungeeignet diesen Prozess aufzuhalten, vielmehr war besonders die Politik der Glasnost (Transparenz) ein Wegbereiter für diese letzte Revolution des 20. Jh.

In der Übung soll anhand von ausgewählten Quellentexten (in deutscher und englischer Sprache) dieser Umwälzungsprozess nachvollzogen und diskutiert werden, ausgehend von den historischen Grundlagen: dem Staatsaufbau der UdSSR und der sowjetischen Nationalitätenpolitik, dem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes von 1939, sowie der Okkupation der baltischen Staaten während und nach dem 2. Weltkrieg. Darauf aufbauend werden wichtige Stationen im baltischen Freiheitskampf analysiert: die so genannten „Kalenderdemonstrationen“ an den nationalen baltischen Gedenktagen, die Wiedereinführung nationaler Symbole, die blutigen Ereignisse von Vilnius im Januar 1991 bis hin zur internationalen Anerkennung der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estland, Lettland und Litauens im Herbst 1991.

Dabei soll auch die historische Gesamtperspektive, insbesondere der Fall des Eisernen Vorhangs, mitberücksichtigt werden. Seit der EU-Osterweiterung 2004 sind Estland, Lettland und Litauen – als einzige ehemalige Sowjetrepubliken – Mitglieder der Europäischen Union. Die Übung soll auch den Blick dafür schärfen, dass es in Ostmitteleuropa zum Teil andere Schnittstellen der Erinnerung und andere Narrative gibt als in den „alten“ EU-Staaten.

Die Kenntnis osteuropäischer Sprachen ist für die Teilnahme an der Übung nicht nötig, allerdings die Bereitschaft, auch längere Texte in englischer Sprache zu lesen.

Literatur:
Meissner, Boris (Hg.), Die Baltischen Nationen. Estland - Lettland - Litauen, Köln 21991; Misiunas, Romuald/ Rein Taagepera, The Baltic States. Years of Dependence 1940-1990, London 21993; Smith, Graham (Hg.), The Nationalities Question in Post-Soviet States, London 21996; Suny, Ronald G., The Revenge of the Past: Nationalism, Revolution, and the Collapse of the Soviet Union, Stanford 1993.